Die "Filter Bubble" - eine Entmündigung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Mittwoch, den 18. Mai 2011 um 06:48 Uhr

Der Web 2.0-Aktivist der ersten Stunde, Eli Pariser, veröffentlichte im Mai 2011 sein Buch "The Filter Bubble". Er führt darin aus, welche Effekte es hat, dass Internet-Giganten wie Google und Facebook die Webinhalte für jeden Einzelnen durch Filter schicken und so jeder nur noch stark selektierte Ergebnisse angezeigt bekommt.

 

 

Die Filtersysteme sind die Web 2.0-Antwort auf die Informationsflut vor der die UserInnen täglich stehen. Kaum jemand kann die Hunderttausenden wenn nicht Millionen Suchergebnisse noch rezipieren, die man bei einer durchschnittlichen Googlesuche angezeigt bekommt. Genausowenig kann man die täglichen Statusnachrichten von seinen durchschnittlich 130 Facebook-Freunden (laut eigenen Angaben von Facebook; facebookbiz gibt für deutsche Nutzer von sozialen Netzwerken 56,8 Freunde an) alle gleichbedeutend rezipieren, kommentieren und selbst noch posten. Aus diesem Grund wurden in den letzten Jahren immer mehr Filtersysteme installiert, die die Suchergebnisse nach den letzten besuchten Websites, den letzten Suchanfragen, der benutzten Software bzw. dem Betriebssystem, dem Ort wo man sitzt etc. sieben. Dies führt dazu, dass praktisch jeder User bei der Verwendung der gleichen Suchmaschine und mit dem gleichen Stichwort zum gleichen Zeitpunkt untereschiedliche Ergebnisse bekommt. So positiv dies auf den ersten Blick auch sein mag, da es ja auch ein Hilfsinstrument ist, so negativ ist dies auf den zweiten Blick.

Erstens wird dadurch eine Form der privatwirtschaftlichen Zensur betrieben. Es sitzen zwar keine Zensoren mehr mit Ärmelschonern in dunklen Kellerräumen, die Schnipsel aus Zeitungen oder privater Korrespondenz ausschneiden; nun sind es aber Programme, die nach Algorithmen Informationen vorenthalten oder anzeigen. Egal ob die Kriterien, nach denen die Auswahl getroffen werden, von Staaten vorgegeben (um eine Firma überhaupt auf den Markt zu lassen) oder von wirtschaftlichen Überlegungen beeinflusst (Werbung) werden, dieser Vorgang ist für den einzelnen User ein Kontrollverlust und eine Einschränkung. 

Zweitens fördert genau diese Tendenz die zunehmende Entwicklung der Abschottung: Das Internet kann nämlich nicht nur zur Überwindung der eigenen begrenzten räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen verwendet werden, sondern auch um sich stärker abzukapseln. So verstärkt die derzeitige Ausgestaltung des "Web 2.0" eine Inselbildung, in der der Einzelne sich noch leichter nach aussen hin abschottet kann und sich nur noch mit eng definierten Identitätsgruppen auseinandersetzt. Damit gewinnt der Begriff des "Globalen Dorfes" eine neue Bedeutung: Denn diese Filtersysteme können den weltweiten Horizont des Internet auf eine dörfliche Struktur reduzieren, die sich nun nur noch in engen wenige dutzend Individuen umfassenden Grenzen bewegt.

Drittens - und dies ist besonders aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich - ergibt sich mit den Filtersystemen auch ein quellentheoretisches Problem. Wenn nicht mehr nachvollziehbar ist, nach welchen Kriterien die Suchergebnisse angezeigt werden, dann kann auch nicht mehr nachvollzogen werden, welche Relevanz die Ergebnisse für den Einzeln in den Ergebnislisten haben. Auch wird der User in algorithmische Kategorien unterteilt, die er selbst nicht wählen kann. Die Kanonhaftigkeit von Suchergebnissen geht damit verloren und wird durch eine fremdgesteuerte Willkürlichkeit ersetzt.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 18. Mai 2011 um 07:31 Uhr
 

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