"Obama=Hitler"? Der Totale Krieg des Tea-Party-Movement PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Mittwoch, den 05. Januar 2011 um 10:31 Uhr

hitler-time-magazine-coverEines der am heissesten diskutierten Themen in der US-amerikanischen politischen Öffentlichkeit der letzten Monate ist die vom Tea-Party-Movement bemühte Gleichsetzung "Obama=Hitler". Auch in österreichischen Medien (siehe etwa den Standard-Artikel "Der wuchernde rechte Rand" vom 19.4.2010) und ganz besonders manchen österreichischen Blogs (wie etwa im Artikel "Obama = Hitler? - Schlammschlacht in Amerika" auf  history-blog.at) fand diese Debatte zumindest kopfschüttelnde Beachtung. Diese Gleichsetzung ist völlig hanebüchen und geht an der historischen sowie aktuellen Realität völlig vorbei.

Interessant dabei ist aber der Diskurs: Die immer wieder vordergründig stehende Frage nämlich - Kann/Darf man Adolf Hitler mit Barack Obama vergleichen? -, führt am zentralen Punkt der Debatte vorbei. Ein Vergleich ist immer möglich, ich kann auch Äpfel mit Birnen vergleichen und dabei zum Schluss kommen, dass die einen rundlich sind, hingegen die anderen eine Tropfen-Form haben, und mir erstere besser schmecken als zweitere. Was das Tea-Party-Movement - dessen Vertreter die Obama-Hitler-Finte in Interviews, auf ihren Veranstaltungen und in verschiedensten medialen Beiträgen bewusst platzieren - aber versucht ist nicht ein Verlgeich, sondern eine Gleichsetzung, und das ist das besonders perfide an dieser Diskursstrategie. Obama wird damit nämlich auf die selbe Stufe mit jenem Mann gestellt, der das größte Massenverbrechen der Weltgeschichte durchführen ließ, den Holocaust. Untergründig erreicht das Tea-Party-Movement damit auch eine Relativierung des Holocaust.

Weiters stellt sich die Frage, wenn man Obama schon negativ konnotieren möchte, warum er dann mit Hitler und nicht mit anderen Diktatoren des 20. Jahrhunderts verglichen wird, wie Saddam Hussein, Iosif V. Stalin, Pol Pot oder Mao Zedong? Obwohl doch letztere drei dem über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bekämpften Todfeind des Kalten Krieges angehörten und noch dazu linke Politiker waren, als welcher Obama zweifelsohne auch zu bezeichnen ist (wenn auch nicht als sozialistischer/sozialdemokratischer Politiker im europäischen Sinne und schon gar nicht als kommunistischer Diktator!). Um sich dieser Frage anzunähern, ist ein kurzer Exkurs in die US-amerikanische Geschichte notwendig: Die USA betraten mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig die weltpolitische Bühne. Der Hauptfeind - neben dem im Pazifik aggressiv expandierenden Japan - war leicht auszumachen: Adolf Hitler. Doch der "Führer" war auch eine Figur, dessen Charisma viele in den USA faszinierte, nicht umsonst wurde er vom Time magazine zum Mann des Jahres 1938 gekührt. Gleichzeitig war Ende der 1930er bereits ein weiterer Konkurrent am Horizont zu erblicken: die Sowjetunion. Doch zuerst musste sich Washington mit Stalin verbünden, um Hitler niederzuringen und erst dann konnte man sich dem Problem des "Kommunismus" widmen, was dann auch massiv und nachhaltig in der McCarthy-Ära nachgeholt wurde. Der Kampf gegen Hitler aber blieb die zentrale Erzählung der Nation auch nach 1945, da damit ein individualisiertes Bild des Feindes transportiert werden konnte. Außerdem konnte mit dem Feindbild Hitler sowohl während wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg die multikulturelle und in zwei politische Lager gespaltene Nation geeint werden. So blieb Hitler die zentrale Metapher für einen Diktator und Massenmörder, der die Freiheit der USA bedrohte. Genau damit versucht das Tea-Party-Movement zu spielen: durch die bisher ergriffenen Maßnahmen wird die Zentralverwaltung gestärkt, was Obama in ihren Augen zum Diktator macht. Denn eine gestärkte Zentralverwaltung ist eine wichtige Klammer für republikanische Wählerschichten bzw. die Tea-Party-Sympathisanten. Das Tea-Party-Movement gestehen mit der Hitler-Gleichsetzung zwar auch indirekt ein, dass Obama ein charismatischer Politiker sei, dieses Bild soll aber negativ konnotiert werden und die Gefahr eines totalen Staates, der durch einen Verführer installiert wird, heraufbeschworen werden. Ausserdem bietet die Gleichsetzung mit Hitler die Möglichkeit die Wählerschichten Obamas zu spalten, wie Afro- und Hispano-Amerikaner oder Jüdinnen und Juden.

Mit Bezügen zur Familiengeschichte wird versucht dem Argumenten noch mehr Authentizität zu verleihen, wie der folgende YouTube-Beitrag zeigt:

Durch eine in nahezu allen Beiträge zu diesem Thema mitschwingende Warnung vor der gegen das Tea-Party-Movement und für Obama gerichteten Kampagnisierung der "liberalen Presse" wird doppeltes erreicht: zum einen müssen sich liberale Medien mit diesem Thema befassen um nicht noch mehr der Kampagnisierung bezichtigt zu werden. Auch dies wird mit Bezügen zur allumfassenden NS-Propaganda untermauert, die Hitler zu einer Ikone stilisierte. Zum anderen wird die Bewegung in eine Pseudo-Opferrolle gestellt, was eine Hysterisierung des Diskurses und die Solidarisierung mit dem Tea-Party-Movement bewirkt. Ganz besonders im Web 2.0, wo ja gerade 2008 Obama mobilisieren konnte, kann mit YouTube-Videos, Blogs, Facebook-Gruppen und in Diskussionsforen bereits jetzt für die Wahl 2012 mobilisiert werden. Das Tea-Party-Movement hat für diesen Kampf zum Totalen Krieg auf allen Ebenen und mit allen Mitteln ausgerufen, damit 2008 "korrigiert" werden kann. Insofern ist die Hitler-Obama-Finte und ihr Erfolg weniger eine Frage des korrekten historischen Vergleiches sondern vielmehr eine erinnerungskulturelle Fallstudie.

Obama = Hitler? - Schlammschlacht in Amerika

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 12. Januar 2011 um 17:55 Uhr
 

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