"Is Google making us stupid?" ... und was heisst das für die Erinnerungskulturen? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Mittwoch, den 29. September 2010 um 19:45 Uhr

"Is Google making us stupid?" fragte Nicolas Carr in der Juli/August 2008-Ausgabe des US-amerikanischen Magazins "the Atlantic". Seinen Gedanken hat er in einem Buch ausgeführt (siehe auch Rough Type: Nicholas Carr's Blog), das nun in deutscher Übersetzung vorliegt: "Wer bin ich, wenn ich online bin...: und was macht mein Gehirn solange? - Wie das Internet unser Denken verändert". Zentrale These ist, Google - und hier ist Google nur nur das Synonym für die rasende Beschleunigung der Hyperlink-Strutkur des Internet durch Web 2.0-Anwednungen in den letzten zehn Jahren - macht unser Gehrin matschig: wir werden immer unkonzentrierter, hetzen von Hyperlink zu Hyperlink, können unser Aufmerksamkeitsspanne kaum noch länger als wenige Sekunden halten. Wenn das stimmt, was bedeutet das für Erinnerungskulturen?

Wie schon in früheren Blog-Einträgen auch an dieser Stelle immer wieder bestätigt, konnten bisher keine spezifischen Internet-Erinnerungskulturen festgestellt werden. Doch sehen wir noch den Baum inmitten des Waldes? Ist es nicht doch zu einer Veränderung der Ausformungen von Erinnerungskulturen im Internet gekommen, ohne dass wir es merken, weil wir selbst Teil des neuen Informationssystems sind?

Nicholas Carr baut - ähnlich wie schon Neil Postman mit "Wir amüsieren uns zu Tode" - seine These auf Marshall McLuhans Diktum "The Medium is the Message" auf. Das Paradigma lautet: Aufgrund der Spezifika des Internet kommt es zu einer Änderung unseres Medienumganges. Dieser Ausgangspunk ist auch nachvollziehbar: auf Denkmälern wird eine andere Sprache angewendet, wie in der Schriftkultur, in einer Ausstellung, einem Gedächtnisort, im Kommunikativen Gedächtnis oder eben in einem Blog bzw. einer Website. Doch ändert diese andere Sprache auch die Erzählungen? Oder die verwendeten Symbole? Nein, die Erzählungen werden von den Individuen geformt, weitertradiert aber auch immer wieder umkodiert. Gesellschaftliche Veränderungen oder tiefgreifende Diskurse können dominierende Erzählungen innerhalb kurzer Zeit verändern oder zumindest zurückdrängen, manchmal sogar radikal umformen. Damit müsste es aber auch im Internet zu einer Veränderung der Erinnerungskulturen kommen, denn Erzählungen finden hier in einem völlig anderen Kontext statt, unter dem Eindruck einer radikalen medialen Revolution - die das Internet zweifelsohne darstellt - aber auch anderer gesellschaftlicher Veränderungen.

Zweifelsohne hilft das Internet sozialen Gruppen mit ihren Erzählungen sich enger, rascher und globaler aneinander zu binden als dies bisher möglich war. Allein dieser Umstand hat zur Folge, dass sie sich festigen können, was wiederum Auswirkungen auf die Erinnerungskulturen dieser Individuen bzw. sozialen Gruppen aber auch der ihnen entgegengesetzten Gruppenerzählungen hat. Gesellschaftlich wenig akzeptierte Erzählungen schotten sich stärker ab und radikalisieren sich; gesellschaftlich akzeptierte Erzählungen öffnen sich weiter und werden so von unten zu neuen Metaerzählungen. Zentrale Träger und Ausformer dieser Erzählungen sind nun nicht mehr nur HistorikerInnen oder andere "Identitäts-Erfinder" (Staaten, Ideologien etc.) sondern UserInnen, egal mit welchem Hintergrund. Dies können auch weiterhin traditionelle Geschichte-Schreiber sein, müssen es aber nicht. Gerade im Gegenteil: die Netzcommunity, zumindest in Regionen in denen sie sich relativ frei entwickeln kann, reagiert sehr sensibel auf (versuchte) Einflussnahmen und "alte" Autoritäten. Nur mehr selten werden Politiker, Intellektuelle, Historiker oder Philosophen als Erzähler zur Determinierung herangezogen. Vielen in der Netzcommunity reichen einfache Versatzstücke, die sie individuell und beliebig aneinanderreihen, um historische Erzählungen zu untermauern; dies können Zitate, Video-Ausschnitte, Fotos oder kulturelle Icons sein.

Können wir also Beliebigkeit, Schnippselhaftigkeit, Verkürzung, Beschleunigung, globale Vernetzung, Abschottung von Gruppenerzählungen und gleichzeitiges Entstehen von neuen Metaerzählungen als erste Faktoren der digitalen Erinnerungskulturen im Internet ausmachen? Und ist wirklich Google dafür verantwortlich?

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 19:20 Uhr
 

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