Gottscheer Erinnerungskulturen im Internet PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Mittwoch, den 08. September 2010 um 18:33 Uhr

gottscheer-HomepageDer Zeithistoriker Georg Marschnig hat Anfang 2010 seine Dissertation zu den digitalen Erinnerungskulturen der Gottscheer vorgelegt: Gottschee Global. Geschichtsnarrative und Identitätsmanagement im Cyberspace. Marschnig geht darin der Geschichte und den daraus konstruierten Narrationen der Gottscheer nach. Den Kern der Arbeit stellt eine Analyse der verwendeten Erzählungen auf den verschiedenen Websites von Gottscheer Organisationen, der Postings in den Gästebüchern sowie der Einträge auf der deutsch-, englisch- und slowenischsprachigen Wikipedia dar.

Grundlegend kann er drei Gruppen innerhalb der Gottscheer herausarbeiten: die "Amerikagottscheer" , die Erzählung der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" und die "Altsiedler". Die "Amerikagottscheer" (Gottscheer Heritage and Genealogy Association, New York Gottschee, Gottscheer Club of Cleveland) fokusieren ihre Erzählung auf die wirtschaftliche Emigration, der sie auch tatsächlich im Überwiegenden entstammen. Die Darstellungen der Gottscheer Landsmannschaften bilden die "Meta-Erzählung", die die Diskursebenen aus der deutschsprachigen Nachkriegszeit fortführt: die NS-Verstrickungen werden geleugnet, der Opferstatus überbetont und für sich einen Alleinvertreteranspruch erhoben. Die "Altsiedler" (Gottscheer Altsiedler Verein), wie sich die wenigen in Slowenien verbliebenen Gottscheer bezeichnen, fokusiert auf ihre sprachliche Besonderheit (Gottscheer Dialekt) und Zugehörigkeit zur "deutschen Nation", die Opferrolle wird besonders betont. Konträr dazu steht der "Gegendiskurs", wie es Marschnig nennt, auf gottschee.de, der die Verbindungen der Gottscheer zum Nationalsozialismus kritisiert und die Mitverantwortung an den Umsiedlungen betont.

Marschnig resümiert in seinem Artikel im Band "Kultur der Differenz: Transformationsprozesse in Zentraleuropa nach 1989": "Erst im virtuellen Rahmen zerbricht das vermeintlich monolithische Gebilde eines "Gottscheer Narratives", das in den Jahrzenten nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen medialen Formen [...] errichtet wurde. Erst hier wo ein ständiges Nebeneinander und Austauschen von Ideen festzustellen ist, wird es möglich, die Pluralität der Gottscheer Identität aufzuzeigen, womit auch hier der Einfluss des Mediums auf Konstruktionen von kollektivem Gedächtnis und Identität zutage tritt." (Gottschee Global. Kollektive Identitätskonstruktionen im weltweiten Netz, S. 218)

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 08. September 2010 um 19:25 Uhr
 

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