Erinnerung und Web 2.0 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Mittwoch, den 23. Juni 2010 um 13:05 Uhr

Seit etwa 2003 macht eine neue Entwicklung im Internet Furore: Web 2.0. Soviel dieser Begriff bereits kritisiert worden ist, so treffend ist die Feststellung einer grundsätzlichen Veränderung der kommunikativen Prozesse im gefolge der breitenwirksamen Etablierung von einfach umzusetzenden Partizipationsmöglichkeiten im Internet: facebook, myspace, twitter, youtube, StudiVZ ermöglichen den Usern einfachere Selbstdarstellung, Vernetzung und multimediale Darstellung.

In den 1990er Jahren waren Websites noch textlastig und nur durch grafische Elemente und Bilder aufgepeppt worden, multimediale Elemente waren technisch höher Versierten vorbehalten; deren Nutzung aufgrund unterschiedlicher Standards und Programme eingeschränkt und fehlerbehaftet. Die Entwicklungen um Web 2.0 haben nun Video-, Sound-, Grafik-, Animationselemente und Verlinkungen selbstverständlich gemacht. Bisher ist aber trotzdem fraglich, ob das Internet bzw. die Entwicklungen um Web 2.0 eine völlig eigenständige Erinnerungskultur begründen werden?

Dies ist eine der Fragen, die an dieser Stelle weiterverfolgt werden soll. Meine Hypothese, die ich schon in meiner 2003 abgeschlossenen Dissertation dazu vertrete, hat sich bisher (noch) nicht verändert: im Internet gibt es keine eigenständige Erinnerungskulturen, da die Individuen, die hier aktiv sind, keine virtuellen sind, sondern in der realen Welt verhaftet sind und dort auch langfristig geprät wurden und werden. Allerdings führen die Möglichkeiten des Internet (Vernetzung, Kommunikation, Multimedialität etc.) zu einer Verstärkung von Tendenzen, wie sie sich seit den 1980ern abzeichnen. Daniel Levy und Natan Szneider haben in ihrem 2001 erstmals erschienen Buch "Erinnerung im globalen Zeitalter" festgestellt, der Holocaust entwickle sich zu einer globalen Metapher für Genozide. Dies ist auch eine äußerst bedenkliche Tendenz, denn die willkürliche Verwendung des Begriffes "Holocaust" führt in zu einer Relativierung des singulären, industriellen, staatlich organisierten und durchgeführten Massenmordes der NationalsozialistInnen an mindestens 6 Millionen europäischen Jüdinnen und Juden.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 29. September 2010 um 19:44 Uhr
 

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