Holocaust und You Tube I - Seyss-Inquart Drucken
Geschrieben von: Dr. Wolfram Dornik   
Montag, den 02. August 2010 um 19:42 Uhr

Erschreckend, welche länderübergreifenden Kontinuitäten Diskurse aufweisen: ein offensichtlich von einem Niederländer auf YouTube online gestelltes Video über Arthur Seyss-Inquart (2.8.2010: 2.796 Aufrufe; es ist das erste Video, das man findet, wenn man von einem österreichischen Server aus das Schlagwort "Seyss-Inquart" in YouTube eintippt). Das vornehmlich auch von Niederländern in Englisch oder Niederländisch kommentiert wird. So manche Kommentatoren stellen es als "research" dar; es ist aber offensichtliche NS-Propaganda.

 

Vor der Musik von "Ich hatt´ einen Kameraden" erscheinen Stationen des Lebens von Seyss-Inquart, die mit dem Foto vom Gehänkten enden. Schon der heroische Titel des Videos, "SS-Gruppenführer Dr. Arthur Seyss-Inquart", lässt einiges erwarten. Dann Propaganda-Reden, die die "positiven Seiten" des Nationalsozialismus unterstreichen sollen: Kinder-Landverschickungen, Wirtschaftsentwicklung und "Juden sind keine Niederländer". Darunter eine kurze "Erklärung" des Videos und Kommentare, wie "wertvoll" dieser Film ist; dazwischen ein zaghaftes "i hope he rest in hell with his nazi criminals". Auch ein gelöschter Kommentar, für die Administratoren von YouTube sind dann manche Äußerungen dann offensichtlich doch etwas zu viel?

Erschreckend wie "normal" (Neo)Nazi-Propaganda im Web 2.0 daher kommt. Wo Neonazis in den 1990ern noch dämonische Websites erstellten (meist in schwarz gehalten, mit Symbolen überfrachtet und ziemlich plump gestaltet), sieht das zehn Jahre später ganz anders aus. Denn so neu ist diese Propganda gar nicht, gerade im Gegenteil: es wird lediglich zeitgenössisches Propaganda-Filmmaterial geschnitten und mit ein paar dezenten Inserts versehen. Erschreckend ist auch, wie sich die Diskursstrategien doch offensichtlich international und über die Jahrzehnte hinweg ähneln: "so schlecht waren die Nazis ja nicht, es gab ja auch Positives", "haben ja einiges an Modernisierung gemacht", "waren halt nur ein bisschen radikal" und "das mit dem Krieg gegen die Sowjetunion hätten sie besser machen müssen". Das waren schon die Diskursstrategien an so manchen österreichischen Stammtischen und Leserbriefen zwischen den 1950er und späten 1980er Jahren (in manchen leider bis heute). Neu ist nun, dass sich diese nun zu transnationalen, neonazistischen Diskursstrategien entwickeln und dadurch auch gegenseitig vertärken!

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 17. August 2010 um 19:24 Uhr